Venezuela: ein bekanntes Muster

Ausgangspunkt: USA–Maduro–Venezuela

Die USA und Venezuela geraten seit Chávez’ Präsidentschaft systematisch aneinander, weil Caracas die Kontrolle über die eigenen Ölressourcen behauptet und US-Einfluss zurückdrängt.aljazeera+1

Ab 2014/2015 folgen stufenweise US‑Sanktionen, verschärft 2019 mit einem Öl‑Embargo gegen PDVSA und das venezolanische Staatsvermögen, offiziell begründet mit Menschenrechtsverletzungen und Demokratiedefiziten.wikipedia+2

In Trumps erster Amtszeit werden Maduro und sein Umfeld in den USA u.a. wegen „Narco‑Terrorismus“ angeklagt; die USA setzen Kopfgelder aus und bauen den Druck über Sanktionen und völkerrechtlich umstrittene Maßnahmen im Ölsektor aus.lemonde+2

Seit der erneuten Trump‑Präsidentschaft 2025 eskaliert dies in eine offen militärische Strategie: Einstufung venezolanischer Akteure als „terroristische Organisationen“, Beschlagnahme von Tankern, Blockade „sanktionierter“ Öltanker und schließlich groß angelegte Luftschläge und die Gefangennahme Maduros.pbs+2

Kernelemente dabei:

  • strategischer Zugriff auf Öl und Transportketten
  • Kriminalisierung der gegnerischen Führung (Drogen, Terror, Korruption)
  • Nutzung von Sanktionen, Blockaden und selektiver militärischer Gewalt, ohne formelle Annexion

Parallele: Sturz Gaddafis (Libyen 2011)

Im arabischen Frühling 2011 beginnt in Libyen ein Aufstand gegen Gaddafi, den der UN‑Sicherheitsrat mit einer Flugverbotszone „zum Schutz von Zivilisten“ beantwortet.wikipedia+1

Die USA beteiligen sich erst mit Sanktionen und diplomatischen Initiativen, dann mit Luftschlägen zur Ausschaltung libyscher Luftabwehr und militärischer Infrastruktur; die Operation entwickelt sich faktisch von „Schutz der Zivilbevölkerung“ zu einem Regime‑Change-Programm.wikipedia+2​Spätere Analysen und geleakte Memos zeigen, dass bei zentralen NATO‑Akteuren auch klassische Interessen mitliefen: Sicherung von Einfluss und Ölzugang, Finanzinteressen, geopolitische Positionierung in Afrika sowie innenpolitische Motive.roape+1​Nach Gaddafis Sturz folgt kein tragfähiger Staatsaufbau; Libyen zerfällt in rivalisierende Milizen, wird ein Transitkorridor für Waffen und Menschenhandel und bleibt bis heute hoch instabil.wikipedia+1

Strukturelle Parallelen zu Venezuela:

Dämonisierung der Führung (Gaddafi als unberechenbarer „Diktator“, Maduro als „Narco‑Terrorist“) schafft moralische Legitimation für Druck und Intervention.pbs+1

Kombination von Sanktionen, diplomatischer Isolierung und gezielter Gewalt – mit klarer wirtschaftlicher und geopolitischer Dimension, die über pure Menschenrechtsrhetorik hinausgeht.theconversation+2

Unterschätzung der Folgen eines Regimebruchs ohne belastbare Nachkriegsordnung (Libyen empirisch sichtbar; in Venezuela drohen ähnliche Risiken).cfr+2

Parallele: Mossadegh–Schah (Iran 1953)

1951/52 nationalisiert der demokratisch gewählte Premier Mossadegh die iranische Ölindustrie und entzieht der Anglo‑Iranian Oil Company (AIOC, später BP) ihr Monopol, nachdem diese sich insbesondere einer unabhängigen Prüfung verweigert.thelatinlibrary+1

London und Washington sehen durch Nationalisierung ihre wirtschaftlichen und strategischen Interessen bedroht und rahmen die Krise im Kalten Krieg als Risiko einer „kommunistischen“ Öffnung Irans zur Sowjetunion.explaininghistory+1

1953 orchestrieren CIA und MI6 mit „Operation Ajax“ einen Putsch: Propagandakampagnen, Bestechung von Politikern, Funktionären und Militärs, organisiertes Straßengewalt – Ziel ist, Mossadegh zu stürzen und den Schah zu stärken.wikipedia+1

Nach dem Putsch wird ein neues Öl‑Konsortium geschaffen, in dem US‑Konzerne neben britischen und anderen europäischen Firmen Zugang zu iranischem Öl erhalten; zugleich etabliert der Schah ein zunehmend autoritäres Regime mit enger pro‑westlicher Anbindung.britannica+1

Strukturelle Parallelen zu Venezuela und Libyen:

Zentraler Konfliktpunkt ist die Kontrolle über Öl und die daraus abgeleiteten Macht‑ und Einnahmestrukturen.thelatinlibrary+2

Die demokratische oder autoritäre Gestalt der Regierung ist für westliche Politik oft zweitrangig gegenüber ihrer Kooperationsbereitschaft; „Demokratie“ und „Stabilität“ dienen primär als Legitimationsnarrative.cfr+2

Der Eingriff erzeugt langfristige Anti‑US‑Ressentiments: Im iranischen kollektiven Gedächtnis gilt 1953 als Schlüsselereignis für Misstrauen gegenüber den USA und Großbritannien – eine Dynamik, die sich in Lateinamerika mit Blick auf US‑Interventionismus teilweise spiegelt.explaininghistory+1

Gemeinsame Muster der drei Fälle

1. Ressourcengebundene Machtpolitik

In allen drei Fällen steht ein rohstoffreicher Staat im Zentrum, dessen Führung (Chávez/Maduro, Gaddafi, Mossadegh) versucht, mehr Souveränität über Öl und Einnahmen zu gewinnen.roape+2

Die USA (teils gemeinsam mit europäischen Verbündeten) reagieren, sobald diese Souveränitätsansprüche zentrale Interessen großer Ölkonzerne und die strategische Ordnung (Containment, Zugriffswege, Allianzen) berühren.chathamhouse+2

2. Eskalationsstufen: von Druck zu Regimewechsel

  • Typisches Muster:

  • ökonomischer und diplomatischer Druck (Sanktionen, Boykott, Isolierung)

  • Delegitimierung der Führung (Korruption, Terror, Kommunismus, Drogen, Menschenrechtsverletzungen)

  • Unterstützung innerer Opposition oder exilierter Alternativeliten

  • im Extrem: verdeckter oder offener Regimewechsel (Putsch 1953, NATO‑Intervention 2011, militärische Operation und Festnahme 2026)

    Dieses Stufenmodell ist in Iran 1953 klassisch verdeckt, in Libyen 2011 hybrid (UN‑Mandat, aber praktisch Regimewechsel) und in Venezuela 2025/26 zunehmend offen und unilateral sichtbar.lemonde+3

3. Rhetorische Rahmung vs. reale Motive

  • Offizielle Begründungen:

  • Iran 1953: „Schutz vor Kommunismus“, Wiederherstellung „Stabilität“.wikipedia+1

  • Libyen 2011: Schutz von Zivilisten, Menschenrechte, Verhinderung eines Massakers.justice+1

  • Venezuela: Bekämpfung von Drogen‑ und Terrornetzwerken, Verteidigung von Demokratie und Menschenrechten.aljazeera+2

  • In der Forschung und in nachträglich offengelegten Dokumenten treten dagegen wirtschaftliche und geopolitische Motive hervor (Öl, Finanz- und Währungsordnung, regionale Machtprojektion, innenpolitische Prestigegewinne).theconversation+2

4. Folgewirkungen: Instabilität und Gegenmachtbildung

Iran: Stärkung des Schahs legt den Boden für die Revolution 1979 und ein langanhaltendes, hochkonfrontatives Verhältnis zu den USA.britannica+1

Libyen: Regimewechsel ohne tragfähige Übergangsordnung führt zu Staatszerfall, Milizlandschaften und regionalem Spillover (Waffenströme nach Mali, Syrien, Sahel).wikipedia+1

Venezuela: Massive Sanktionen tragen zur wirtschaftlichen Krise bei, zementieren aber auch Teile des inneren Machtapparats, während ein möglicher Machtwechsel nun mit dem Risiko eines Machtvakuums und weiterer Regionalinstabilität behaftet ist.atlanticcouncil+2

Einordnung des Zusammenhangs

Die Entmachtung Gaddafis und der Putsch gegen Mossadegh markieren historische Knotenpunkte eines US‑geleiteten Modells: Rohstoff‑ und Sicherheitsinteressen werden, wenn nötig, über das Selbstbestimmungsrecht anderer Gesellschaften gestellt – verdeckt (Iran), multilateraler eingebettet (Libyen) oder zunehmend unilateral (Venezuela).pbs+2

Die aktuelle US‑Politik gegenüber Maduro bewegt sich in derselben Traditionslinie: Sie verbindet ökonomischen Zwang, strafrechtliche Kriminalisierung, militärische Mittel und eine starke ideologische Rahmung, um einen als feindlich eingestuften Rohstoffstaat zu disziplinieren bzw. umzubauen.chathamhouse+2

Auffällig ist, dass aus den historischen Negativfolgen (Iranische Revolution, libyscher Staatszerfall) politisch nur begrenzt gelernt wurde: Kurzfristige Vorteile (Kontrolle, Abschreckung, innenpolitische Stärke) werden höher gewichtet als die langfristigen Kosten instabiler Räume und gefestigter Gegenmächte.cfr+2

  1. https://theconversation.com/before-toppling-maduro-the-us-spent-decades-pressuring-venezuelan-leaders-over-its-oil-wealth-272679
  2. https://en.wikipedia.org/wiki/2011_military_intervention_in_Libya
  3. https://en.wikipedia.org/wiki/1953_Iranian_coup_d’%C3%A9tat
  4. https://explaininghistory.org/2025/08/28/the-1953-coup-oil-mosaddegh-and-the-roots-of-iranian-resentment/
  5. https://www.aljazeera.com/news/2025/11/25/timeline-26-years-of-fraught-us-venezuela-relations
  6. https://en.wikipedia.org/wiki/Sanctions_during_the_Venezuelan_crisis
  7. https://www.congress.gov/crs-product/IF10715
  8. https://en.wikipedia.org/wiki/United_States_sanctions_during_the_Venezuelan_crisis
  9. https://www.lemonde.fr/en/international/article/2026/01/03/us-venezuela-timeline-from-sanctions-to-military-action_6749038_4.html
  10. https://www.pbs.org/newshour/world/a-timeline-of-u-s-military-escalation-against-venezuela-leading-to-maduros-capture
  11. https://www.chathamhouse.org/2026/01/us-attacks-venezuela-and-maduro-captured-early-analysis-chatham-house-experts
  12. https://en.wikipedia.org/wiki/American_involvement_in_the_2011_Libyan_Civil_War
  13. https://www.justice.gov/sites/default/files/olc/opinions/2011/04/31/authority-military-use-in-libya.pdf
  14. https://roape.net/2017/03/27/libyas-plunge-gaddafi-western-intervention-imperialism/
  15. https://www.cfr.org/expert-brief/assessing-venezuelas-future-after-nicolas-maduros-bold-capture
  16. https://www.atlanticcouncil.org/dispatches/us-just-captured-maduro-whats-next-for-venezuela-and-the-region/
  17. https://www.thelatinlibrary.com/imperialism/notes/operationajax.html
  18. https://www.britannica.com/event/1953-coup-in-Iran
  19. https://www.nytimes.com/2026/01/03/world/americas/us-venezuela-tensions-timeline.html
  20. https://en.wikipedia.org/wiki/U.S._sanctions_during_the_Venezuelan_crisis

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