Rick Berman – Zweifel als Geschäft – Lobbyist des Untergangs

Rick Berman: Der „Dr. Evil“ der amerikanischen Lobbylandschaft

Einleitung

Richard „Rick“ Berman ist einer der einflussreichsten und umstrittensten Lobbyisten der USA. Seit den 1980er Jahren hat er für die Alkohol-, Tabak-, Lebensmittel-, Fleisch- und fossile Energieindustrie gearbeitet und dabei systematisch Zweifel an wissenschaftlichen Erkenntnissen gesäht, um Regulierungen zu verzöhgern oder zu verhindern. In liberalen Kreisen trägt er den Spitznamen „Dr. Evil“ – eine Bezeichnung, die er selbst mit einer gewissen Ironie trägt. Dieser Artikel zeichnet seine Karriere nach und beleuchtet die Strategien, mit denen er öffentliche Debatten manipuliert hat.

Frühe Jahre und Karrierebeginn

Rick Berman wurde 1942 geboren und studierte Rechtswissenschaften am College of William and Mary, wo er 1967 seinen Juris Doctor erwarb. Seine frühe Karriere führte ihn über Positionen bei Bethlehem Steel und der National Restaurant Association in die Gastronomiebranche. Von 1975 bis 1984 arbeitete er als Government Affairs Manager für die Restaurantkette Steak & Ale unter Norman Brinker, bevor er 1984 Executive Vice President der Pillsbury Restaurant Group wurde.

Gründung von Berman & Company (1986)

1986 gründete Berman seine eigene PR- und Lobbyfirma, Berman & Company, in Washington, D.C. Das Unternehmen spezialisierte sich darauf, für Industrien zu arbeiten, die unter öffentlichem Druck standen – insbesondere Alkohol, Tabak, Fast Food und später auch die fossile Energiebranche. Bermans Geschäftsmodell basierte auf der Gründung scheinbar unabhängiger, gemeinnütziger Organisationen, die in Wahrheit als Frontgruppen für die Interessen seiner Klienten dienten.

Die Alkohollobby: American Beverage Institute

Eine von Bermans frühesten und bekanntesten Kreationen war das American Beverage Institute (ABI), gegründet 1991. Offiziell eine Organisation für „verantwortlichen Alkoholkonsum“, diente ABI in erster Linie dazu, strengere Alkoholregulierungen zu bekämpfen – insbesondere die Senkung von Promillegrenzen und die Einschränkung von Alkoholwerbung.

1994 gelang Berman ein PR-Coup: Candace Lightner, die Gründerin von Mothers Against Drunk Driving (MADD), wechselte zum ABI. Lightner hatte MADD 1980 nach dem Tod ihres Sohnes durch einen betrunkenen Fahrer gegründet und war zur Symbolfigur der Anti-Alkohol-Bewegung geworden. Ihr Wechsel zur Alkohollobby löste ein Medienbeben aus und wurde von Kritikern als Verrat am ursprünglichen Anliegen gewertet. Für Berman war es ein strategischer Meisterstreich: Mit Lightners Namen konnte er die Glaubwürdigkeit des ABI stärken und MADD als „zu radikal“ darstellen.

Tabakindustrie: Guest Choice Network

1995 gründete Berman das Guest Choice Network (später umbenannt in Center for Consumer Freedom, CCF), finanziert mit 600.000 Dollar Startkapital von Philip Morris. Die Organisation gab vor, die „persönliche Freiheit“ der Konsumenten zu verteidigen, kämpfte in Wirklichkeit aber gegen Rauchverbote in Restaurants und Bars. Das CCF griff auch andere Kritiker der Tabak- und Lebensmittelindustrie an, darunter die CDC, PETA und MADD.

Das Front-Gruppen-Imperium

Berman & Company betreibt ein Netzwerk aus Dutzenden von Organisationen, die wie unabhängige Think Tanks oder Bürgerinitiativen wirken, aber vollständig von der PR-Firma gesteuert werden. Zu den bekanntesten gehören:

  • Employment Policies Institute (EPI) – gegründet 1991, kämpft gegen Mindestlohnerhöhungen und argumentiert, dass Niedriglohnjobs für „Arme und Ungebildete“ wichtig seien.
  • Environmental Policy Alliance (EPA) – attackiert Umweltorganisationen wie Greenpeace und stellt sie als „radikale Öko-Terroristen“ dar.
  • Humane Watch – richtet sich gegen die Humane Society of the United States (HSUS) und PETA, unterstützt von der Fleisch- und Tierindustrie.
  • Center for Union Facts – bekämpft Gewerkschaften mit aggressiven Werbekampagnen.

Alle diese Organisationen teilen dieselbe Adresse (die Büros von Berman & Company in Washington, D.C.) und denselben Geschäftsführer: Rick Berman.

Strategien: „Win Ugly or Lose Pretty“

Bermans Philosophie lässt sich in einem Satz zusammenfassen, den er 2014 vor Energie-Executives Äußerte: „You can either win ugly or lose pretty.“ Damit meinte er, dass es besser sei, mit aggressiven, schmutzigen Methoden zu gewinnen, als mit sauberen zu verlieren.

Zu seinen Standardtaktiken gehören:

Astroturfing – Vortäuschung von Graswurzelbewegungen, die in Wahrheit von der Industrie finanziert werden.

Persönliche Angriffe – Diskreditierung von Gegnern durch gezielte Kampagnen gegen ihre Reputation.

Wissenschaftlichen Zweifel säen – Instrumentalisierung von Unsicherheiten in der Forschung, um Regulierungen zu verzögern (ähnlich der Tabakindustrie in den 1950ern).

Medienmanipulation – Platzierung von Meinungsartikeln, Werbekampagnen und Social-Media-Inhalten, die wie neutrale Informationen wirken.

Kontroversen und Kritik

Bermans Geschäftsmodell ist wiederholt in die Kritik geraten. Das Charity Navigator, eine unabhängige Bewertungsplattform für gemeinnützige Organisationen, stufte mehrere von Bermans „Non-Profits“ als irreführend ein, da sie kaum Geld für wohltätige Zwecke ausgaben, sondern fast ausschließlich für Lobbyarbeit und Werbung. 2010 reichten MADD und die Humane Society of the United States eine Ethikbeschwerde gegen das ABI ein, weil es New Yorker Gesetze zur Offenlegung von Lobbyaktivitäten verletzt habe.

Trotz dieser Vorwürfe bleibt Berman geschäftlich erfolgreich. Seine Klienten schätzen seine kompromisslose Haltung und seine Bereitschaft, auch unpopuläre Methoden einzusetzen.

Vermächtnis und Einfluss

Rick Bermans Einfluss auf die moderne Lobbylandschaft ist unbestritten. Er hat gezeigt, wie man mit einem Netzwerk aus Frontgruppen, aggressiver PR und gezielter Desinformation politische Debatten lenken kann. Seine Strategien wurden von anderen Industrien kopiert – von der fossilen Energiebranche bis zur Zuckerindustrie.

Gleichzeitig hat er eine Gegenbewegung provoziert: Investigativjournalisten, Transparenzorganisationen und watchdogs wie SourceWatch, DeSmog und PR Watch haben Bermans Netzwerk dokumentiert und öffentlich gemacht. Seine Methoden gelten heute als Lehrbuchbeispiel für corporate manipulation.

Fazit

Rick Berman ist eine Schlüsselfigur im Verständnis moderner Lobbyarbeit. Seine Karriere zeigt, wie ein einzelner Akteur mit den richtigen Verbindungen, einer kompromisslosen Philosophie und einem Netzwerk aus Frontgruppen erheblichen Einfluss auf die öffentliche Meinung und die Gesetzgebung nehmen kann. Ob man ihn als genialen Strategen oder als „Dr. Evil“ betrachtet – unbestritten ist, dass er die Regeln der politischen Kommunikation nachhaltig verändert hat.


Quellen zur Weiterrecherche:

  • consumerdeception.com (Kritische Dokumentation von Bermans Kampagnen)

  • SourceWatch.org (Profil zu Berman & Company)

  • DeSmog.com (Recherche zu Bermans Verbindungen zur fossilen Industrie

  • 60 Minutes CBS-Interview mit Rick Berman (2011)

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